Vergleichstest von Satelitten-Systeme
Dieser Test hat eine kleine Vorgeschichte, die den treuen Forums-Lesern natürlich bekannt ist, den anderen aber nicht vorenthalten werden soll: Vor einiger Zeit gab es in Tools4Music einen Vergleichstest von Endstufen, und in diesem Zusammenhang die Diskussion, ob dabei auch ein Hörtest nötig ist. Martin Kennerknecht ("MK") stellte sich damals auf den Standpunkt, dass dies überflüssig sei, Unterschiede im Klangverhalten würden sich stets auch messtechnisch nachweisen lassen, ein Eigenklang von Endstufen sei nicht zu erwarten und letztlich auch nicht sinnvoll.
Da diese Aussagen dann doch nicht vollen allen vollumfänglich geglaubt wurde, sind wir dann der Sache mit einem Blindtest auf den Grund gegangen, wobei Martins Aussage verifiziert wurde: Unterschiede zwischen den Endstufen waren selbst im direkten Vergleich nicht hörbar, Hörtests wird man sich somit künftig sparen können.
Im Prinzip haben wir bei Lautsprecherboxen dieselben Voraussetzungen: Alle Unterschiede, die man hören kann, lassen sich auch messtechnisch nachweisen zwei Lautsprecherboxen mit einer völlig identischen Impulsantwort wird man im Hörtest nicht unterscheiden können. Allerdings bricht einem diese Erkenntnis in der Praxis kein Stück weiter: Lautsprecher haben nie völlig identische Impulsantworten, selbst zwei Exemplare derselben Serien nicht. Die heutige Messtechnik löst genauer als das Gehör auf, man kann Unterschiede messen, die schon lange nicht mehr hörbar sind.
Damit sind jedoch keineswegs die Hörtests überflüssig: Lautsprecher unterscheiden sich messtechnisch dermaßen stark, dass es nur ansatzweise Kriterien gibt, was sich besser und was sich schlechter anhört. Selbst wenn wir zunächst einmal außer acht lassen, dass der Klang einer Box auch immer Geschmackssache ist, bleibt es eine Tatsache, dass es sich nicht messtechnisch erfassen lässt, ob eine Box gut oder schlecht klingt. Natürlich gibt es Anhaltswerte: Eine Box mit starken ungeradzahligen Verzerrungen beispielsweise wird man üblicherweise schlechter einstufen als eine Box, die nicht verzerrt. Wenn wir jedoch sieben Systeme vergleichen, die sich alles in allem nicht so wesentlich unterscheiden, dann kommt man mit der Messtechnik nicht weiter: Man kann die Unterschiede objektiv erfassen, es fehlt aber die Möglichkeit, diese Unterschiede in Qualitätsunterschiede umzurechnen.
Also ein Hörtest
Hier kommt man nun erst recht vom „Regen in die Traufe“, weil das Gehör ein schrecklich unzuverlässiges Sinnesorgan ist: Das beginnt schon im Ohr selbst, wo über die Stellung der Knöchelchen eine Verstärkung bezieungsweise Dämpfung von 40 dB bis + 40 dB vorgenommen wird, ohne dass diese Information irgendwie in’s Bewusstsein dringt. Beim Schätzen von Lautstärken liegen auch aktive Tontechniker immer mal wieder um mehr als 10 dB daneben.
Dazu kommt, dass die Weiterverarbeitung im Gehirn sich automatisch auf das Klangbild einstellt da dreht sozusagen jemand im Unterbewusstsein am EQ. Man gewöhnt sich innerhalb von etwa 20 Sekunden an einen Klang, und dann gefällt einem meistens das, was aus der Box kommt. Wenn man bei einem Vergleichstest dasselbe Stück auf derselben Box gleich anschließend ein weiteres Mal spielt, werden die Bewertungen üblicherweise besser.
Zudem mindern weitere Wahrnehmungen die Objektivität. Wenn man weiß, dass die gerade gehörte Box von einem etablierten Hersteller kommt, dann wird man sie in fast allen Fällen besser bewerten, als wenn man weiß, dass es sich um einen billigen China-Nachbau handelt. Eine solche Beeinflussung erfolgt üblicherweise unterbewusst, man kann sie also auch nicht vermeiden, wenn man sich ganz fest vornimmt, fair und objektiv zu vergleichen.
Wenn also bei einem Boxen-Test der Autor seinen persönlichen Eindruck schildert, dann ist das sicher seine ehrliche Meinung und auch eine schöne Abrundung des Testes, aber von Objektivität sind wir leider sehr weit entfernt.
Also ein Blindtest
Um wenigstens annähernd so etwas wie Objektivität in einen Hörtest zu bekommen, muss man ziemlich großen Aufwand treiben: Zunächst muss die Sache als Blindtest ablaufen: Derjenige, der hört, darf also nicht wissen, welches System gerade spielt. Erstes Problem in der Praxis: Sucht man Freiwillige über ein Internet-Forum oder den Aufruf in einer Fachzeitschrift, dann werden die vorher wissen wollen, welche Systeme teilnehmen, um in Abhängigkeit davon zu entscheiden, ob sie das interessiert oder nicht. „Untinteressierte“ Vergleichshörer müsste man eine Aufwandentschädigung bezahlen, das gibt die Forenkasse des Party-PA-Forums nicht her. Die Teilnehmer wissen also, welche Systeme am Test beteiligt sind.
Die Idee, die Systeme hinter einem Vorhang zu verstecken, wurde ebenfalls schnell verworfen: Ein solcher Vorhang würde den Klang beeinflussen, man wird neugierige Blicke vor dem Beginn des Tests wohl auch nicht ausschließen können. Bleibt lediglich, dass die Systeme deutlich enger beeinander stehen, als die Teilnehmer davon entfernt sind. Das hat sich in der Praxis als hinreichend erwiesen.
Die nächste Schwierigkeit ist, dass unser Gehör nicht objektig ist: Wir haben die Unterschiede im Geschmack, wir haben Beeinflussungen durch externe Faktoren, und wir haben eine lausige Wiederholgenauigkeit. Was macht der Messtechniker, wenn er massiv Störeinflüsse hat: Es macht sehr viele Messungen und mittelt. Eben dieses ist hier auch der geeignete Weg.
Und dann haben wir noch die Tatsache, dass sich das eine Stück auf diesem, ein anderes Stück aber auf jenem System besser anhört. Also testen wir mit unterschiedlichen Stücken und mitteln wieder. Zuletzt ist noch zu berücksichtigen, dass das Gehör während des Tests nicht besser wird. Deshalb beginnen wir mit den leiseren Stücken und steigern dann die Lautstärke.
Testdurchführung
Für den Test wurden acht Stücke aus unterschiedlichen Stilrichtungen ausgewählt. Dabei wurde versucht, Stücke zu finden, die „kritisch“ sind, bei denen sich also gute und schlechte Stücke unterscheiden. Titel, die sich überall gut anhören, sind für einen Vergleichstest ungeeignet. Konkret handelte es sich um folgende Stücke:
- „Heimat“, eine reine Sprachbeschallung
- „Fremd bin ich eingegangen“ aus der Winterreise von Franz Schubert (Klassik/Frühromantik), im Gegensatz zur Originalbesetzung mit einem Streichquartet begleitet statt mit einem Klavier, kritisch bezüglich Verfärbungen im Mittenbereich
- „Der Hölle Rache“, eine Koloratur-Arie der Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte (Klassik), Verzerrungen bei etwa 1 bis 2 kHz werden hier gandenlos aufgedeckt
- „Mustang Sally“ in einer Version der „4 Flames“ (3 Gesangstimmen, Klavier, Saxophon und sehr im Hintergrund eine Geige, deren Wahrnehmbarkeit ein Entscheidungskriterium ist)
- „On my way in LA“ von Phil Carmen, es zieht im Hintergrund ein Ride-Becken (oder so etwas ähnliches) mit, dessen Höhenauflösung ein Unterscheidungsmerkmal ist
- „Money für nothing“ von den Dire Straits, hier kommt es auf’s „Tief-Mitten-Brett“ an
- „Liberian Girl“ von Michael Jackson, der Bass sollte so trocken kommen wie auf der CD
- „Rhythm is a dancer“ als Vergleich bei hohen Schallpegeln
Bei allen Stücken wurde zunächst eine Minute eingespielt, um sich in das Stück einzuhören, dabei wurde zwischen den einzelnen Anlagen zufällig gewechselt, damit die Teilnehmer erkennen konnten, wo „das Feld“ liegt. Es folgten einige erläuternde Worte zum Stück („achtet auf die Geige“....), dann wurde der 15-Sekunden-Schnipsel noch mal ohne Bewertung eingespielt, und danach begann der eigentliche Test.
Die 15-Sekunden-Schnipsel wurden mit entsprechender Pause digital vorproduziert, es handelte sich natürlich stets um denselben Teil des Titels und auch das Ein- und Ausblendverhalten war exakt identisch. Eingespielt wurde dann direkt vom Rechner über das EASERA-Gateway (eine spezielle Version des Presonus Firepod).
Insgesamt waren acht Systeme am Start (zusätzlich noch ein System von KME, das dann für Messungen nicht mehr zur Verfügung stand), jeder Schnipsel ging zwölfmal in die Bewertung, manche Systeme mussten also mehrfach bewertet werden, daraus wurde dann die sogenannte Bewertungssicherheit ermittelt, mehr dazu später. Bewertet wurde in Schulnoten mit Viertel-Abstufungen (2, 2-, 2-3, 3+, 3...) nach dem deutschen System (1 = „sehr gut“, die beiden Niederländer mussten sich also umstellen...).
Externe Einflüsse
Externe Einflüsse sollte man natürlich so weit wie möglich eliminieren was leider nicht immer vollständig möglich ist, zumal man bei einem solchen Vergleichstest nicht endlos Zeit hat. Als externe Einflüsse sind insbesondere zu beobachten:
- Die Position der Zuhörer: Im Idealfall sitzen sie direkt in der Mitte vor den Boxen. An dieser Ideal-Position sind jedoch keine 20 Personen plazierbar zumindest nicht in diesem Raum. Die Kollegen, die sehr weit außen rechts saßen, haben dann auch eine sehr mäßige Bewertungssicherheit (was ihren Einfluss auf die Auswertung vermindert beziehungsweise ganz ausschließt, somit haben wir da keine Beeinflussung zugunsten oder zulasen eines Systems)
- Die Position der Boxen: Eigentlich hätte man drei Durchläufe machen müssen, und jede Box einmal links, einmal mittig und einmal rechts plazieren müssen. Dafür hätte die Zeit nicht gereicht, außerdem sind die Ohren der Teilnehmer nach knapp 100 Schnipseln wirklich „fertig“.
- Die Position der Box in der Reihenfolge der Schnipsel. Die Reihenfolge der Boxen wurde per Zufallsgenerator festgelegt. Es macht natürlich einen Unterschied, ob eine Box direkt hinter einer ähnlich klingenden (verbessert tendenziell die Bewertung) oder direkt hinter einer völlig anders klingenden Box eingespielt wird (verschlechtert), ebenso, ob sie direkt hinter einer guten Box (verschlechtert tendenziell) oder direkt hinter einer schlechter klingenden Box (verbessert) eingespielt wird. Eine „saubere Lösung“ hätte so aussehen müssen, dass bei allen Titels alle Kombinationen möglicher Reihenfolge verwendet werden das hätte jedoch viel zu lange gedauert. Allerdings mitteln sich solche Einflüsse über 96 eingespielte Schnipsel auch halbwegs raus.
- Technische Defekte: Bei der img Proton hatten wir eine auffällige Höhendämpfung (ab etwa 2 kHz), die sich messtechnisch einwandfrei belegen, später aber so nicht reproduzieren lies. Leider war auch nicht die Zeit, hier eine umfangreiche Fehlersuche zu starten. So kann man noch nicht mal sicher ausschließen, dass dieser Problem nicht an der Box selbst, sondern beispielsweise an Leitungen gelegen hat. Eine auffällige Höhendämpfung wirkt sich natürlich auch auf die Bewertungen aus, und von etlichen Teilnehmern wurde auch explizit angemerkt, dass das System dumpf klang. Aber wie gesagt der Fehler lies sich später nicht reproduzieren, und somit halte ich es für fair, die Ergebnisse des Vergleichstests der img Proton nicht zu veröffentlichen. (Bei den später durchgeführten Vergleichstests zeigte dieses System diesen Höheneinbruch nicht und lag dann auch bei den Bewertungen nie an letzter Stelle...)
Wenn man sich diese externen Einflüsse vor Augen führt, dann dürfte wohl auch klar sein, welchen Stellenwert man kleinen Unterschieden bei den Ergebnissen beimessen darf: Gar keinen. Dass zwischen dem System auf dem ersten und dem System auf dem letzten Platz Unterschiede bestehen, kann man nun nicht mehr wegdiskutieren. Aber zwischen beispielsweise dem dritten und dem fünften Platz muss kein deutlicher Unterschied bestehen, bei anderen externen Faktoren (Anlage anders aufgestellt und Reihenfolge der Stücke anders) hätte es genau umgekehrt sein können.
Vielleicht kann man das als wesentliche Erkenntnis dieses Vergleichstests anshen, dass die einzelnen Systemen, bei allen Unterschieden im Klangverhalten, von der Klangqualität sich so besonders gar nicht unterscheiden: Das eine System hat hier Stärken, das andere dort, gemittelt sind die Unterschiede gering. (Ich weiß wohl, dass vor dem Hintergrund anstehender Kaufentscheidungen eine deutliche Empfehlung für das eine oder andere System lieber gesehen würde aber sowohl die Mess- als auch die Hörergebnisse geben das nicht her.)
Die Auswertung
Die Auswertung wurde mit der Software vorgenommen, mit der auch schon die Linearray-Tests der PA-Forums gerechnet wurden. Im Wesentlichen werden die Schulnoten in einen Punktwert umgerechnet und dann werden diese Punktwerte gemittelt.
Und dann gibt es noch das mit der Bewertungssicherheit: Wenn auf dem selben System derselbe Schnipsel ein zweites Mal gespielt wird, dann sollte eigentlich die Bewertung gleich sein. Ist sie aber nicht, zumindest nicht immer. Wie schon vorher geschrieben: Das Gehör hat eine lausige Wiederholqualität. Aus diesen Unterschieden berechne ich nun einen Wert zwischen null und eins und nenne diesen Bewertungssicherheit. Wenn dasselbe Stück auf demselben System einmal mit 2-3 und einmal mit 3+ bewertet wird, dann ist die Bewertungssicherheit höher, als wenn es einmal mit 2 und einmal mit 4- benotet wird (solche Abweichungen kommen tatsächlich vor).
Diese Abweichungen werden in Relation zu dem gesetzt, wie die Bewertungen insgesamt voneinander abweichen: Bei jemand, der alles zwischen 3+ und 3- benotet, hat eine Viertelstufe Abweichung eine ganz andere Qualität als bei jemand, der zwischen 1-2 und 5+ verteilt.
Mit dieser Bewertungssicherheit kann ich nun zwei Dinge (einzeln oder in Kombination) tun: Bei der Mittelung kann ich anhand der Bewertungssicherheit gewichten (die Stimem derjenigen mit hoher Bewertungssicherheit zählt mehr), und ich kann eine Mindestbewertungssicherheit vorgeben, wer darunter liegt, wird bei der Auswertung ignoriert.
Dabei stellt sich der Effekt ein, dass das Ergebnis um so eindeutiger wird, je mehr auf Bewertungssicherheit Wert gelegt wird (durch Gewichtung und durch eine hohe Mindestschwelle). Teilnehmer mit geringer Bewertungssicherheit verhalten sich fast so wie „Rauschen“ und decken die Unterschiede zu.
Eine Rangliste der Systeme unter Gewichtung mit der Bewertungssicherheit und einer Mindestbewertungssicherheit von 0,7 (also die obere Hälfte) würde das folgende Bild ergeben:
15,24 2- Coda (teurerstes System)
14,10 2-3 KME
13.87 2-3 dB
13,13 3+ FTB
12,73 3+ RCF
12,65 3+ DAP (günstigstes System)
12,31 3 Mackie
(ohne Wertung, da technischer Mangel) img
Wie vorhin schon geschrieben: Die Reihenfolge gerade im „Mittelfeld“ (eine „Schlussgruppe“ haben wir ja eigentlich nicht) ist von etlichen externen Faktoren abhängig, eine wirkliche Aussagekraft hat ein Unterschied nach meiner Einschätzung erst dann, wenn sich die Punktzahl um mehr als zwei (also eine halbe Notenstufe) unterscheidet. So gesehen haben wir zwischen dem zweiten und dem letzten (siebten) Platz noch keine wirklich signifikanten Unterschiede.
Wenn sich über die acht Stücke die Unterschiede fast völlig ausmitteln, dann könnte die Hoffnung bleiben, dass zumindest innerhalb der einzelnen Stücke siginifikante Unterschiede ausgemacht werden können, so dass man die Anlage nach dem vorgesehenen Einsatzzweck auswählen kann (vorausgesetzt, der steht vorab fest). Da hier aufgrund weniger Mittelung die externen Einflüsse ein größereres Gewicht haben, sollte der Unterschied schon 4 Punkte entsprechend einer ganzen Notenstufe entsprechen, damit man von Signifikanz sprechen kann.
Eine solche Signifikanz haben wir eigentlich nur in einem einzigen Punkt: Das Stück „Liberian Girl“ ist auf dem FBT-System signifikant schlechter: Die Noten schwanken sonst zwischen 2 und 3, bei diesem Stück liegen sie bei 4. (In einem Forenbeitrag war auch etwas von „Bass hat mechanisch angeschlagen“ die Rede.) Man kann also einigermaßen gesichert behaupten, dass der Bass nicht auf dem Niveau des Topteils spielt.
Zweiter Hörtest
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Es wurde ein zweiter Hörtest durchgeführt, mit Schülern der Theatertechnik-AG der Beethoven-Oberschule. Allerdings nicht exakt mit denselben Stücken, das KME-System stand nicht mehr zur Verfügung, das DAP hatte einen Transportschaden, dafür spielte das IMG-System wieder, und da es sich um Schüler und nicht um (zumindest halbwegs) erfahrene Tontechniker gehandelt hat, war es auch mit der Bewertungssicherheit nicht ganz so weit her von daher habe ich über eine Veröffentlichung der Ergebnisse nie weiter nachgedacht. Das Einzige, was ich dazu noch erwähnen möchte: Das IMG-System spielt - wenn es einwandfrei spielt völlig unauffällig im Mittelfeld mit.
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Die Messungen
Messungen von Lautsprecherboxen macht man eigentlich in einem reflektionsarmen Raum der passenden Größe. Ein solcher Raum steht mir allerdings nicht zur Verfügung. Die nächste Idee wäre, eine solche Messungen unter freiem Himmel durchzuführen. Dem standen (in dieser Reihenfolge) das Wetter, der Immissionsschutz und der Einfluss von Störgeräuschen entgegen.
Durchgeführt wurden die Messungen schließlich in der Aula der Beethoven-Oberschule in Berlin, kombiniert mit einer Wiederholung des Blindtestes mit anderem Publikum. Reflektionsarm ist dieser Raum noch nicht mal ansatzweise, und wenn man zu stark fenstert, dann verliert die Messung im Tieftonbereich ihre Aussagekraft. Der langen Rede kurzer Sinn: Es handelt sich hierbei um eine Vergleichsmessung. Alle Systeme wurden unter identischen Bedingungen gemessen, die Messungen sind untereinander vergleichbar. Nicht vergleichbar sind die Messungen mit dem, was der Hersteller veröffentlicht oder was Dritte unter anderen Bedingungen gemessen haben.
Die Diagramme wurden im Abstand von 3,15 m gemessen und dann auf 1 m umgerechnet. Ein Blackman-Fenster wurde zwischen 200 und 250 ms gesetzt (mit Ausnahme der Klirrfaktoren). Als Mess-System wurde EASERA verwendet, das Messmikrofon war ein MBC 550, als Kalibrator kam ein B&K 4231 zum Einsatz.
Frequenzgang
Für die Messungen wurden alle Systeme auf denselben Schallpegel eingestellt zumindest wurde das versucht. Die Vorgehensweise glich der beim Blindtest: Zunächst mit Schallpegelmesser und rosa Rauschen auf denselben Zahlenwert, dann mit Blick in den Frequenzgang ein Feinabgleich, und dabei immer die Frage „wiegt dieser Peak diesen Hubbel dort auf“? Ich habe mir jetzt bei der Auswertung die Diagramme noch mal gründlich angesehen und würde sagen, dass ich beim Angleichen zumindest keinen groben Unsinn gemacht habe.
Zur besseren Vergleichbarkeit wurden immer drei Kurven in ein Diagramm gepackt, als Referenz-System kam dabei das Coda zum Einsatz dieses ist nicht nur das teuerste System im Test, sondern schnitt auch im Blindtest an erster Stelle ab und macht auch messtechnisch mit den saubersten Eindruck.



Die Frequenzgänge sehen zunächst mal so aus, wie unter solchen Bedingungen aufgenommene Frequenzgänge nun mal aussehen. Grobe Schwächen leistet sich zunächst einmal keine Box wo die eine hier einen Zacken hat, leistet sich die andere dort einen Hügel.
Unterschiede gibt’s vor allem im Bass-Bereich, dort gibt es drei verschiedene „Philisophien“: Zunächst das Lager „möglichst linear und dafür weit runter“. Vertreter dieser Gattung sind Coda und DAP, also das teuerste und das günstigste System im Test.
Dann gibt es das Lager „bei etwa 60 Hz einen kräftigen Peak“, Vertreter sind dB und Mackie. Auf etwa 60 Hz ist die Bass-Linie der üblichen Mainstream-Musik gemischt, tiefer runter können die Tonstudios nicht gehen, weil das vielleicht noch manche HiFi-Anlagen können, aber keine „normalen“ Autoradios, Radiowecker, Küchenradios, Arbeitsplatzberieselung und was sonst noch so an suboptimalen Wiedergabeeinrichtungen zur Verfügung steht. Mit einer solchen Anlage hat man also ein kräftiges Bass-Fundament, ohne dass man das erst reindrehen müsste. Man kann das mögen, muss es aber nicht. Tendenziell sind solche Anlagen dann eher für Konserve als für Live-Mucke geeignet.
Dann gibt es noch das Lager „keine kräftige Überhöhung und nicht ganz so weit runter“ das schont die Speaker, und am EQ könnte man sich immer noch einen 60Hz-Hügel reindrehen. Diesem Lager gehören FBT, img und RCF an.
In den anderen Frequenzbereichen beobachten wir nicht mehr viel, was wirklich relevant wäre. Bei 600 Hz hat die DAP eine etwas auffälligere Interferrenz, und ab 10 kHz verabschieden sich die Hochtöner unterschiedlich schnell die ist aber immer in Kombination mit dem Limiter-Verhalten zu betrachten, das wir uns gleich ansehen wollen.
Limiter-Verhalten
Nun setzen wir das Eingangs-Signal 14 dB hoch. Eigentlich sollte zu erwarten sein, dass nun die Kurven um 14 dB nach oben verschoben sind das kommt aber nicht ganz hin. Bei den folgenden Diagrammen wurde der zweite Frequenzgang durch den ersten dividiert. Bei einem vollständig linearen System müsste sich eine Linie bei 14 dB ergeben. Das haben wir hier bei keinem System. Leichte Welligkeiten sind den Messbedingungen geschuldet, größere Abweichungen resultieren hauptsächlich aus dem Eingreifen der eingebauten Limiter.



Beim Coda-System greift über den ganzen Frequenzbereich sehr gleichmäßg der Limiter und regelt rund 2dB zurück, den Peak im Bass-Bereich würde ich dem Zeitverhalten des Limiters zuordnen. Das System von dB ist völlig unauffällig, lediglich ab 10 kHz wird ein wenig zurückgenommen. Beim DAP wird rund 4 dB zurückgenommen, die Welligkeit dürfte zumindest teilweise den Entzerrungen ab Controller entsprechen, teilweise muss man sie wohl auch den Verzerrungen zuordnen.
Das System von img ist wieder sehr unauffällig, auch wenn im Hochtonbereich leicht zurückgeregelt wird. (Eine solche Zurücknahme hört sich meist ganz gefällig an, man verflucht sie lediglich dann, wenn man mit einem System „an der Kotzgrenze“ gegen lautes Publikum oder eine hohe Bühnenlautstärke anmischen muss). Sehr auffällig sind die Rücknahmen beim FBT-System, hier regelt der Limiter recht früh schon deutlich zurück. Das System von Mackie ist wieder unauffällig, die Box von RCF regelt im Hochtonbereich ein wenig zurück.
Rückwärtsdämpfung
Bei Konserven-Beschallung ist das völlig unerheblich, aber bei Live-Beschallung möchte man eigentlich möglichst wenig Schall nach hinten abgestrahlt haben, weil der nur die Bühne „zumumpft“. Also habe ich mir den Spaß gegönnt, mal alle Topteile umzudrehen und von hinten zu messen. Dass dabei nichts dabei herauskommt, hatte ich schon vorher vermutet, aber man will ja auch mal sehen, ob es „Ausreißer“ gibt.

Die gibt es hier jedoch nicht, was wir hier sehen, ist Physik: Je höher die Frequenz, desto höher die Rückwärtsdämpfung, und kleine Boxen sind tendenziell im Nachteil. Was wir an Welligkeiten haben, ist weitgehend den Messbedingungen geschuldet.
Verzerrungen
Bei den Verzerrungen macht es einen erheblichen Unterschied, ob es sich um geradzahlige (H2, H4, H6...) oder um ungeradzahlige (H3, H5, H7...) handelt. Geradzahlige Harmonische hören sich üblicherweise ganz gefällig an, die Ungeradzahligen nerven (das typische „völlig übersteuertes Kofferradio“). Und weil dieser Unterschied so wichtig ist, reicht nicht die Angabe des Klirrfaktors (der alle Harmonischen zusammenfasst), sondern wir brauchen die Harmonischen einzeln, zumindest H2 und H3.
Bei den Verzerrungen gibt’s die Regel „Je lauter, desto mehr“. Deshalb wurden die Diagramme für beide Lautstärken erstellt. Und da schon drei Kurven pro Diagramm unübersichtlich genug sind, lässt sich da auch nicht viel zusammenfassen. Also haben wir insgesamt 14 Kurven. Da das ein wenig viel ist, habe ich sie auf eine zweite Seite ausgelagert: Zu den Klirrdiagrammen.
In den Diagrammen zu sehen ist die zweite und die dritte Harmonische, bezogen auf den Schallpegel. Je niederer die Kurve, desto besser. 20 dB entsprechen 10% Klirrfaktor, -30 dB 3%, -40dB 1%. Bei gemäßigten Pegel sollte H3 stets unter 3% liegen, bei höheren Pegel immer noch unter 10%. Einzelne schmale Peaks im Diagramm bedeuten üblicherweise nicht, dass das System dort plötzlich stark klirrt, sondern liegen daran, dass meist durch eine Interferenz die Grundwelle einbricht, so dass die relativ darauf bezogene Harmonische entsprechend ansteigt. Dem sollte keine größere Bedeutung beigemessen werden.
Zu der Situation bei gemäßigten Pegeln: Bei allen Systemen haben wir im Hochtonbereich relativ viel H2 und sehr wenig H3. Den Peak der FBT bei 900 Hz ignorieren wir gemäß den vorherigen Ausführungen, somit liegen alle Systeme im Rahmen, allerdings auf unterschiedlichem Niveau: Die Box von Coda klirrt unterdurchschnittlich, DAP und FBT leisten sich leichte Schwächen.
Hohe Pegel werden (hoffentlich) nicht dauerhaft gefahren, die Möglichkeit der Systeme zu höheren Pegel wird benötigt für die Impulswiedergabe. Impulse der Name sagt das schon sind kurz, da fallen Verzerrungen weniger auf, da kann man höhere Werte akzeptieren.
Die Coda ist auch hier sehr anständig, allerdings haben wir unter 200 Hz nach doch erhöhte Werte vermutlich kommt da einfach der kleine Speaker an seine Grenzen. Eine ähnliche Situation haben wir bei RCF, wobei der Problembereich da ein paar Hertz nach oben verschoben ist. Die Boxen von dB, img und mackie leisten sich bei höheren Pegeln ein wenig mehr der unkritischen zweiten Harmonischen, bleiben aber bei den kritischen dritten Harmonischen unauffällig. Das System von FBT hat im Mitteltonbereich insgesamt wenige Verzerrungen (das trifft abgesehen von den angesprochen Problemstelle auch auf die RCF zu).
Auffällige Klirrwerte gibt’s beim DAP-System. Hier ist wohl der Limiter nicht streng genug eingestellt.
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